Prof. Klaus Schäfer
MGFFI Nordrhein-Westfalen
Prof. Klaus Schäfer
MGFFI Nordrhein-Westfalen
Sehr geehrter Herr Dr. Bandelow,
sehr geehrte Frau Beigeordnete Dr. Klein,
liebe Kinder und Jugendliche
und vor allem
liebe Preisträger und Preisträgerinnen,
zunächst darf ich mich für die Einladung herzlich bedanken. Ich habe bereits in der Einführung durch Sie, Herr Dr. Bandelow, einen guten Einblick in die kreative Arbeit der Initiativengruppen im Rahmen dieses Wettbewerbs, aber auch in die alltägliche Praxis bekommen können. Dies bestätigt auch, dass es richtig war, sich für die Durchführung eines Initiativenwettbewerbs zu entscheiden. Über 250 Gruppen haben sich seit der Gründung im Jahre 1995 bisher beteiligt. Das mag für den einen nicht viel sein, vor allem für denjenigen, der sich unter Wettbewerb immer ein großes Ereignis vorstellt. Für andere, und dazu gehöre auch ich, hat dieser Wettbewerb aber das Gesicht einer Präsentation des Engagements im unmittelbaren Lebensalltag junger Menschen. Und dieser Alltag ist geprägt von vielen kleinen Hilfen und Impulsen oftmals mit experimentellem Charakter.
Dies bestätigt: Initiativen leben und sind kreativ.
Die heute präsentierten und ausgezeichneten Projekte sind ein gutes Beispiel hierfür. Sie geben den Initiativgruppen ein Gesicht, das geprägt ist von der Suche nach Unterstützung für diejenigen, die es schwer haben sich im Leben zu behaupten und auch durchsetzen zu können.
Buchprojekt
UNART e.V., Essen
Es ist auch eine gute Gelegenheit, Teile der Arbeit darzustellen, zu dokumentieren und auch davon zu überzeugen, dass die Unterstützung für diese „Arbeit im Kleinen“ nicht nachlassen darf. Die prämierten Projekte, der Jugendfilmclub, Köln, die Rosa-Strippe, Bochum, der Sprachladen e.V., Köln, die Ruhrwerkstatt, Oberhausen sowie Unart e.V. aus Essen sind solche wichtigen und unverzichtbaren Beispiele praktischer Kinder- und Jugendarbeit.
Das gilt auch für diesen Ort, an dem die Preisverleihung stattfindet. Er ist mir sehr vertraut, denn ich verbinde ihn mit ausgezeichneter medienpädagogischer Arbeit und immer wieder neuen Ideen für Projekte und vor allem auch mit dem Mut zum Experimentellen. Der Jugendfilmclub, Frau Beigeordnete Dr. Klein, ist ein guter und verlässlicher Partner von dem das Land aber auch die Stadt profitiert. Hier hat sich auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Köln bewährt. Denn beide, Stadt und Land, finanzieren den JFC. Das ist eine gute Basis für diese wichtige Arbeit.
Die Landesregierung fördert den Wettbewerb weil er ein Signal setzen soll. Dieses Signal heißt: Wir brauchen neue Ideen und Impulse für eine lebensweltnahe, intensive und kreative Kinder- und Jugendarbeit.
Die Preisträger, denen ich sehr gerne zu Ihrem Erfolg gratuliere und auch die Grüße von Herrn Minister Laschet überbringe, zeigen, dass es in der Kinder- und Jugendarbeit gelingen kann, junge Menschen zum Mitwirken zu überzeugen und sie zu beteiligen. Und sie haben dies mit Zielgruppen gemacht, die zu den besonders zu fördernden jungen Menschen gehören. Das ist ein schöner Erfolg für die Kinder- und Jugendarbeit.
Nun haben sie mir das Thema für meinen kurzen Beitrag gegeben, ob Initiativgruppen denn auch förderungswürdig seien. Das ist etwas "schlitzohrig" gefragt, denn was wollen Sie tatsächlich hören. Doch wohl kaum, wenn ich nein sage. Mir bleibt also nichts anderes übrig als ja zu sagen. Aber ich denke, hinter dieser Frage verbirgt sich auch die Erwartung, aus der Sicht des Jugendministeriums etwas darüber zu erfahren, wie es denn die Arbeit einschätzt und welche Bedeutung Initiativgruppen haben.
Ich will das auch gerne tun, denn es ist sicher oftmals so, dass – jedenfalls der Landesblick – nicht immer alles das erfassen kann, was sich vor Ort in der Kinder- und Jugendarbeit tut.
Initiativen tun der Kinder- und Jugendarbeit gut
Im Geflecht der Kinder- und Jugendarbeit gibt es ganz große Platzhalter. Das sind die Organisationen die schon lange dabei sind und die auch viele junge Menschen an sich binden. So z.B. Jugendverbände, aber auch Jugendzentren, teilweise auch Jugendkunstschulen, alles das, was man weithin zum klassischen Angebot der Kinder- und Jugendarbeit zählt.
Medienprojekt "Amok Impuls"
Jugendzentrum "Aber Hallo" e.V.
Initiativgruppen sind da schon etwas kleiner, manchmal auch nur in einem Stadtteil oder eine Gemeinde aktiv. Sie bilden sich auch spontan, sind davon geprägt, dass sie etwas ganz Besonderes aufgreifen oder angehen und dass sie sich - nach dem Abschluss - wieder etwas anderem widmen. Gemessen an ihrem Aktionsradius und der Angebotsvielfalt sind sie aber sicher , auch im Vergleich zu den „Großen“ , nicht minder aktiv. Sie tun der Kinder- und Jugendarbeit gut.
Das aus mehreren Gründen:
Initiativgruppen sind oftmals das "Salz in der Suppe"
Es ist heute nicht leicht sich ausserhalb der Institutionen und dann auch noch mit bestimmten Themen zu profilieren. Dazu gehören junge Menschen die bereit sind mitzumachen und auch Verantwortung zu übernehmen. Im Kern ist diese Bereitschaft bei vielen Jugendlichen vorhanden. Da will ich auf die Ergebnisse der letzten Shell Jugendstudie verweisen. Sie bestätigen, dass es bei mehr als 35 % der Jugendlichen eine hohe Bereitschaft gibt, sich zu engagieren. Wenn es dann konkret wird entscheiden sie sich für das, was sie machen wollen und nicht immer für das, was ihnen angeboten wird. Jugendliche sind da sehr sensibel. Sie wollen das Ergebnis ihres Engagements auch noch in ihrer Zeit erleben.
Bielefeld = Spielefeld
Spielen mit Kindern e.V., Bielefeld
Sie kennen alle die Rituale der Teilhabe und des Mitmachens. Da gibt es eingeschliffene Pfade, die auch alle ihre Berechtigung haben. Die auch wichtig sind, denn sie binden junge Menschen an sich, an Werte und Ideale und fördern sie in vielfältiger Weise und sie gehören zu einer demokratischen Struktur, etwa in einem Jugendverband.
Doch ein Blick auf die Breite der Gruppen, die sich aus aktuellen Herausforderungen herausbilden oder sich mit Themen auseinandersetzen, die sehr konkret im sozialen Raum verankert sind, zeigt, wie wichtig es ist, dass es Gruppen gibt, die abseits vorgegebener Strukturen bereit und in der Lage sind, neue Themen aufzugreifen und anzupacken.
Dabei helfen ihr Status und ihr Selbstverständnis bei der Formulierung ganz konkreter Ziele. Wie heißt es beim Paritätischen Jugendwerk: „Initiativgruppen sind Organisationen und soziale Formationen von Menschen, die sich finden, um ein Vorhaben zu realisieren, einen Missstand abzuschaffen oder eine gegebene vorgefundene Praxis zu ändern. Sie alle sind gekennzeichnet durch einen rechtlich selbstständigen und wirtschaftlich autonomen Status“
Das heißt aber nicht, die jungen Menschen die sich beteiligen seien nicht zielorientiert. Das sind sie sehr wohl. Denn in Initiativen sammeln sich junge engagierte Jugendliche, die zwar parteilich neutral sein mögen, dennoch aber sehr parteiisch sind und wirken. Sie nehmen Partei für eine bestimmte Zielgruppe, für ein Thema für ein Anliegen etc. Beispiele hierfür sehen wir heute.
Raumgestaltungsprojekte in Schulen
Handwerkerinnenhaus Köln e.V.
Ein Blick auf die Themenvielfalt macht sichtbar: Hier sind junge Menschen am Werk, die wissen, was sie wollen. Und vor allem, die keine Zeit verlieren wollen und ihr Tun auf das konzentrieren, was sie erreichen wollen. Die Themen sind der Alltag mit seinen unzähligen Herausforderungen, Konflikten und auch Problemen. Häufig sind es Felder die benachteiligte Kinder und Jugendliche betreffen: Armut, Kinder mit Zuwanderungsgeschichte; soziale Brennpunkte, Gewalt etc. Die Essener Initiative Unruhe widmet sich psychisch kranken Menschen. Das ist immer noch eine Ausnahme. Und das, obwohl gerade solche jungen Menschen eine besondere Unterstützung bedürfen. Hier ist noch vieles Neuland. Auch das Jugendzentrum Köln Vingst kümmert sich um Kinder und Jugendliche, die einer besonderen Förderung bedürfen.
Das sind Beispiele einer Parteilichkeit, die vorbildhaft sind. Denn der Einsatz für bessere Lebenswelten oder für den Abbau sozialer Benachteiligung, wie es das Kinder- und Jugendhilfegesetz auch der Kinder und Jugendarbeit aufgibt, ist nicht nur lohnenswert, er ist auch Ausdruck der Übernahme von Verantwortung. Hier spielt sich etwas ab, was der staatliche Stellen gar nicht leisten können. Ohne diesen Einsatz würde vieles an Gemeinsinn und sozialer Verantwortung nicht möglich sein.
Initiativgruppen bilden
Auch wenn man es heute immer wieder fast gebetsmühlenartig hört, es muss doch immer wieder gesagt werden:
Raumgestaltungsprojekte in Schulen
Handwerkerinnenhaus Köln e.V.
Kinder- und Jugendarbeit bildet, Initiativgruppen bilden. Gerade in einer Zeit wo die Rede davon ist, das „Bildung die Ressource der Zukunft“ sei, wo sich Handwerk und Industrie beklagen, Jugendliche würden zu Ihnen kommen und hätten nicht einmal basale Grundqualifikationen und wo von den Kosten unzureichender Bildung gesprochen wird, muss es möglich sein, gerade auf den Bildungsaspekt der Kinder- und Jugendarbeit aufmerksam zu machen. Die heute prämierten Projekte sind Beispiele für Bildungsprozesse. Denn das Engagement wäre gar nicht möglich, hätte man sich nicht mit den Themen auseinandergesetzt und keine eigene Position und Haltung entwickelt. Dazu gehört nicht nur das Wollen, dazu gehört Durchstehvermögen ebenso wie Gestaltungskompetenzen und auch Behutsamkeit, denn nicht alles geht sofort und alles ist von Beginn an richtig. Das sind aber Fähigkeiten, die junge Menschen brauchen und die oftmals nur in der Kinder- und Jugendarbeit angeeignet werden können. Das ist die besondere Stärke der ausserschulischen Jugendbildung, auch der Initiativgruppen
Die Förderungswürdigkeit von Initiativgruppen ist unzweifelhaft
In der Reformdiskussion des Landesjugendplans hatten die Initiativgruppen ihren besonderen Platz. Der Landesjugendplan hat 1998 klar gesagt: Die Förderung der Initiativgruppen ist alternativlos. Seit dem ist sie ein eigener Titel. Sie zählen mit zur Infrastruktur auch wenn die Förderart eine Projektförderung ist. Unverbindlich ist sie dennoch nicht. Auch die neue Landesregierung hat dies beibehalten und den Kinder- und Jugendförderplan so aufgestellt, dass Initiativgruppen ihren Stellenwert haben.
Graffiti - Mädchen gestalten...
LOBBY FÜR MÄDCHEN e.V., Köln
Daran wird deutlich, dass die Stabilität der Förderung auch für sie gilt. Denn auch sie müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Arbeit durch eine Förderung wertgeschätzt wird. Das ist aber auch ein Wink an die Kommunen. Denn gerade sie fördern die „Arbeit im Kleinen“, in den Stadtteilen und Gemeinden. Das kann das Land nicht tun, jedenfalls nicht umfassend. Kommunen haben hier ihren Beitrag zu leisten.
Da sind wir bei dem Faktor Kosten. Aber man muss die Kosten ins Verhältnis zu dem setzen, was dabei herauskommt. In der Diskussion um die finanzielle Förderung muss daher immer wieder deutlich werden, dass Kinder- und Jugendarbeit zwar etwas kostet, aber auch vieles einbringt. Das wird oftmals vergessen. Von Haushaltseinbrüchen geplagte Kommunen sehen die Ausgaben oftmals als reine Belastung. Das muss man verstehen, weil die Einnahmen der Kommunen und des Landes deutlich rückläufig sind. Aber der Blick sollte immer auch vor Augen haben, was wäre, wenn es die Kinder- und Jugendarbeit nicht mehr gäbe. Wer würde sich um die Zielgruppen kümmern, die in diesen Projekten so besonders wichtig sind?
Initiativen brauchen ein Dach
Auch wenn es gerade die Stärke von Initiativgruppen ist, sich nicht in differenzierten Organisationsstrukturen zu verankern, ein Dach kann dennoch nicht schaden. Denn es fällt vieles an, was man wissen muss. Allein über die notwendigen Informationen zu verfügen ist auch in der Kinder- und Jugendhilfe eine besondere Herausforderung. Wenn man es allein tun muss, wird das kaum gelingen. Initiativgruppen brauchen auch jemanden, der sie auf der Landesebene ins Spiel bringt. Frau Werthmanns-Reppekus ist seit vielen Jahren für sie als Initiativgruppen eine solche Türöffnerin. „Vergessen sie mir die Initiativen nicht“ ist ein Standardsatz von ihr, den sie beim Verlassen des MGFFI immer wieder formuliert. Das ist manchmal auch sehr hartnäckig. Aber das ist anwaltschaftliches Engagement und das sollte sie auch weiter tun.
Dieses Dach, das das Paritätische Jugendwerk den Initiativen bietet, ist für Sie wertvoll. Das Paritätische Jugendwerk ist daher auch für uns ein wichtiger Partner, bzw. Partnerin. In der Selbstdarstellung heißt es wie folgt: Das PJW versteht sich als Kreativitätsbeschleuniger - um die Projekte "salonfähig" zu machen. Das ist auch sicher so und es verschafft Ihrer Arbeit ein landesweites Profil. Ein hoher Anspruch und sicher eine Daueraufgabe.
Danke, dass Sie sich an diesem Wettbewerb beteiligt haben. Danke an alle mitwirkenden Kinder und Jugendlichen, dass sie mitmachen und dass sie einen Blick dafür haben, wie es anderen jungen Menschen geht und wie man helfen kann.
Prof. Klaus Schäfer: "Die Förderungswürdigkeit von Initiativgruppen der Kinder- und Jugendarbeit"
Beitrag zur Verleihung des Initiativenpreises am 10. Dez. 2009 in Köln
Laudatio Prof. Klaus Schäfer (24KB)
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Der INITIATIVENPREIS 2009 ist eine Initiative des Paritätischen Jugendwerkes NRW im Rahmen des Projektes "Pakt mit der Jugend". |
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